Visionen für das Olympiadorf der Zukunft
Darf man für ein denkmalgeschütztes Dorf Visionen haben?
Auch wenn das Olympiadorf seit 1998 unter Ensembleschutz steht und seit 2020 die meisten Gebäude auch als Einzeldenkmal in der bayrischen Denkmalliste aufgeführt sind, ist das Dorf kein Museum. Auch die Initiative der Landeshauptstadt München, den Olympiapark als Welterbe vorzuschlagen, wird dem Dorf keine Käseglocke überstülpen. Um diese Bewerbung vorzubereiten, wurde eine Arbeitsgruppe aus den Vertreter*innen aller Beteiligten gegründet, die den erforderlichen Managementplan beraten.
Als Vertreterin der Interessen der Dorfbewohner*innen nimmt für die EIG Monika Mühlenbeck-Krausen teil. Die EIG hat damit ein Mitspracherecht an den Planungen. Dass manchmal Visionen auch schon Wirklichkeit werden können, zeigt der nun fertig gestellte Rahmenplan für Photovoltaik und Erneuerbare Energien – ein Projekt der Stadt München, des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, der EIG und Olytopia. Das zugehörige Handbuch liegt seit Sommer 2025 vor und kann auf der Homepage der EIG heruntergeladen werden.
Aber die Dorfbewohner*innen haben noch mehr Visionen.
Diese wollte die EIG auf dem gut besuchten Workshopabend am 16. September 2025, der im Rahmen der Architekturwoche stattfand, erfahren. Im Format eines World-Café wurden Visionen und mögliche Lösungsansätze gesammelt. Mit Absicht sollten noch keine fertigen Lösungen geliefert werden, da Visionen nur Wirklichkeit werden können, wenn diese mit den Institutionen besprochen werden, insbesondere mit den Vertreter*innen der Denkmalpflege.
Für das Leben im Dorf sind seine Freiflächen besonders wichtig. Sie sollen Gebrauchsgegenstand sein. Unter dieser Prämisse hat sich die EIG folgende Themen überlegt: Dorf-Grün, Mobilität, Nahversorgung und Wohnkonzepte.
Hildegard Sahler
Dorf-Grün
Die Bauten des Olympiadorfs sind eingebettet in eine Parklandschaft, in die wiederum Kleinarchitekturen eingegliedert sind: Brunnen, Spiel- und Sportplätze, Skulpturen, Wegeverbindungen und Plätze sowie der Nadisee mit seinen Wasserflächen. Alle Pflege- und baulichen Maßnahmen werden durch die ODBG durchgeführt und von den Eigentümer*innen finanziert.
Der Nadisee ist gebaute Architektur. Die Vision einer kompletten Renaturierung zur Erhöhung der Wasserqualität ist aus denkmalfachlichen Gründen nicht möglich. Aber vielleicht ist eine Teilrenaturierung oder die Schaffung natürlicher Klärflächen im Umgriff des Sees umsetzbar? Zudem solle die Bevölkerung aufgeklärt werden, welche Auswirkungen die Fütterung der Enten in diesem Zusammenhang hat. Jeder möchte mehr Artenvielfalt im Dorf. Der Wunsch geht hin zu einer gezielten insektenfreundlichen Bepflanzung; Wildpflanzen sollten zugelassen und die Flachdächer begrünt werden. Eine intensivere Bepflanzung des Studierendendorfs – wie sie früher vorhanden war – wurde angeregt. Es besteht der Wunsch nach Nutzgärten in Form von Gemeinschaftsgärten. Vielleicht lassen sich Wiesenflächen für ein Urban Gardening ausweisen oder Hochbeete aufstellen? Zum Konzept der begrünten Architekturlandschaft im Dorf gehören die Tröge in den Straßen. Die Bäume darin leiden durch Hitze und den Mangel an Erde. Der Cotoneaster darunter macht ihnen Konkurrenz. Der Wunsch ist, eine Bepflanzung der Tröge vorzunehmen, welche Rücksicht auf die Bäume nimmt und die Artenvielfalt fördert. Vorstellbar wären auch z.B. Gieß-Patenschaften für die Tröge. Eine Fassadenbegrünung mit Efeu und Wildem Wein sollte unterbleiben, da diese nicht nur bei Sanierungen Probleme bereiten, sondern auch die Bausubstanz zerstören. Es wurde angeregt, schattenspendende Bepflanzungen nicht zurück zu schneiden sondern auszuweiten, um besonders eine Beschattung der südlich ausgerichteten Betonflächen zu erreichen. Vielleicht gäbe es auch die Möglichkeit Pergolas zu errichten, vielleicht bei den Medialines.
Abschließend wird angeregt, das zusätzliche Kenntnisse über Pflanzen entscheidend sind. Tipps können im Dorfboten veröffentlicht werden. Ein Angebot von Wildkräuterspaziergängen fördert ebenfalls das Wissen. Hilfreich wäre auch eine regelmäßige Pflanzen-Tausch-Börse.
Hildegard Sahler
Mobilität
Zur Gestaltung der Dorfanlage gehören ebenfalls die Straßen für den mobilisierten Verkehr, Wege und Plätze für die Fußgänger*innen. Fahrräder spielten damals kaum eine Rolle. Durch die einmalige horizontale Trennung von Auto- und Fußgängerverkehr wurde der Wohnwert für das Olympiadorf besonders gesteigert, zurecht sind wir stolz auf unsere autofreien oberirdischen Wege.
Vier Bereiche waren den Teilnehmer*innen des Themenfelds Mobilität besonders wichtig. Die Radinfrastruktur, Verfügbarkeit von Parkplätzen, E-Mobilität und Barrierefreiheit.
Es wurde ein Fahrradparkkonzept für das Dorf angeregt. Folgende Vorschläge führten dies weiter aus, nämlich der Wunsch nach mehr gesicherten Abstellflächen mit (Teil-) Überdachungen, E-Lademöglichkeiten oder ein Fahrradparkhaus. Die nördlich ausgerichteten Flächen der drei Hochhäuserreihen auf Parkebene wurden dafür u. a. als Flächen vorgeschlagen. Mehrmals wurde auf die ungute Situation der abgestellten Räder auf dem Kirchenvorplatz hingewiesen mit dem Vorschlag eines Radl Ramadamas.
Zur Entspannung des Parkdrucks bei Großveranstaltungen wurde vorgeschlagen, ein Anwohnerschutzkonzept zu verfolgen, Parkplätze mehrfach zu nutzen (Vermietzentrale), benachbarte Gewerbe-Parkhäuser verstärkt miteinzubeziehen und mit einer digitalen Beschilderung auf diverse freie Parkmöglichkeiten hinzuweisen. Eine Schranke mit Kennzeichenerkennung bei den Parkdecks wurde ebenso genannt. Allgemein wurde eine Erfassung aller ungenutzten Stell- und Parkplätze angeregt. Oder können sogar Parkplätze umgenutzt werden, um belebtere Nutzungen an geeigneten Stellen zu schaffen?
Auch das kam zur Sprache.
Lademöglichkeiten sollten sowohl in der eigenen Garage als auch an der Straße vorhanden sein bzw. ermöglicht werden. Dafür könnte Photovoltaik für die eigene Wallbox und die Autobatterie bei Spitzenlast als Speicher genutzt werden. Weitere Carsharing-Plätze sind ebenfalls
erwünscht, die zentraler liegen als am Ende der Straßbergerstraße.
Ein barrierefreier, rollstuhlgerechter Zugang (Rampe) wird für das forum2 als auch das Kirchenzentrum gewünscht. Möglich wäre auch ein Treppenlift im Kirchenzentrum. Der Durchgang zwischen den beiden Edekas ist oft zu eng für gehbehinderte Personen mit unterstützenden Geh- und Fahrhilfen. Als Vision wird schließlich noch ein Kleinst-Bus gewünscht, der im Stundentakt im Olympiadorf zirkuliert.
Brigitte Voit
Nahversorgung
Um die Nahversorgung kümmert sich seit über 10 Jahren die Olywelt eG. Die Ladenstraße ist das Herz des Olympiadorfs. Es wurde diskutiert, wie die sie optisch attraktiver werden könnte. Schwergewicht unter den Vorschlägen war die Erarbeitung einer Werbesatzung, in der festgelegt wird, wie die Ladenfront gestaltet werden kann. Werbung muss immer beim Bauamt beantragt werden – im denkmalgeschützten Bereich wird für die Genehmigung zusätzlich der Denkmalschutz beteiligt. Mit Aktionen könnten die Dorfbewohner angeregt werden, ihre Ladenstraße besser kennen zu lernen und dort auch regelmäßig einkaufen zu gehen. Die Workshop-Teilnehmer*innen warteten mit Ideen auf: vom Nikolaus (der bereits jetzt schon jährlich stattfindet) über Weihnachtsmarkt und Ostereiersuchen bis hin zu mehr Musik.
Dem Thema Leerstände widmeten sich die Gruppen auf zweierlei Weise: Einerseits lieferten sie Ideen, wie leerstehende Geschäfte bespielt werden könnten – dies ist nur möglich, wenn der Eigentümer zustimmt. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, würden sich die Gruppen über Pop-Up-Cafés, Kunstausstellungen und Musikveranstaltungen bis hin zu einem ständigen Repaircafé freuen und geben den Hinweis mit, dass die Stadt München gezielt Künstler vermittelt. Sofern die Olywelt eG Eigentümerin einer Immobilie ist, wünschen sich die teilnehmenden Dorfbewohner*innen weitere Gastroangebote, einen Radreparaturladen sowie eine Unterkunft für den Dorfschreiner (der seine jetzigen Geschäftsräume wegen umfangreicher Reparaturen des Eigentümers verlassen muss). Der Platz für die Vielzahl an Visionen ist an dieser Stelle nicht ausreichend – alle Ideen werden jedoch an die Olywelt eG zur genauen Sichtung weiter geleitet.
Manuela Feese-Zolotnitski
Wohnkonzepte
Was tun mit einer Wohnung, die mittlerweile zu groß für den jetzigen Bedarf geworden ist? Es wurden viele Ideen genannt. Ein Zimmer könnte an junge Menschen vermietet werden, die durch ihren Job in München, als Werkstudenten, durch Promotion oder Masterstudium neu in der Stadt sind und gerne für eine gewisse Zeit in einem möblierten Zimmer wohnen würden. Ein nicht genutztes Zimmer könnte auch nur tageweise oder stundenweise zur Ausübung eines Hobbies, als ausgelagertes Arbeitszimmer, als Besucherzimmer für regelmäßige eintreffende Gäste vergeben werden. Natürlich können Bewohnende auch versuchen, ihre Wohnung zu tauschen. Die gleichen Ideen für eine erweiterte Nutzung bieten sich für Senioren an, die über eine große Wohnung verfügen. Warum nicht auch Gedanken an die Gründung einer Wohngemeinschaft zulassen? Mit einem bekannten Menschen zusammenziehen? Einige Senioren haben als junge Leute in einer WG gewohnt, sie kennen die Vorteile eines gemeinschaftlichen Lebens. Es wurde auf Literatur und Quellen im Netz verwiesen.
Für Senioren gab es vielfältige Vorschläge und Hinweise, wie auf den Verein der Dorfsenioren e.V. oder auf das Konzept Wohnen gegen Hilfe.
Die Teilnehmer*innen schlugen vor, eine Tausch- und Infobörse zu schaffen, vielleicht über einen Quartiersmanager. Er sollte einen Laden oder ein Büro im Dorf haben. Als noch geringes, aber mögliches Problem wurde die Gefahr der Fremdnutzung von Wohnungen genannt, also einer dauerhaften oder überwiegenden Zweckentfremdung, z.B. durch AirBnB. Dieser kann man durch Information des Sozialreferats entgegenwirken.
Alle Besucher an dieser Station haben die Pflege von nachbarschaftlicher Gemeinschaft betont: Die Freude am Kümmern, an gegenseitiger Hilfe, „Oma und Opa auf Zeit“, an Begegnungen jeder Art bei großen oder auch kleinen Nachbarschaftsfesten sollen nicht nur Vision sein.
Monika Shah
Wie geht es weiter?
Erfreulicherweise wurden nicht nur viele Visionen geäußert, sondern es haben sich auch Personen gemeldet, die gerne zusammen mit der EIG die Themen weiter verfolgen. Das ist für die EIG ein Ansporn, solche Themen bei den Verantwortlichen und bei der Denkmalpflege weiterzubringen. Dazu brauchen wir jedoch Unterstützung!
Weitere Interessent*innen für eine Mitarbeit sind daher gerne willkommen. So können wir gemeinsam unsere Visionen bei den Verantwortlichen weiterbringen. Wir sind erreichbar unter folgender Mail-Adresse: denkmal@eig-olympiadorf.de






