Olympiastein

Ein Marmorblock aus Olympia in München

Der Stein, der im „Olympiadorf“ in München aufgestellt ist, wurde 1972 anlässlich der Olympischen Spiele von der Gemeinde Olympia in Griechenland gestiftet. Eine Inschrift, die der Bildhauer des griechischen Nationalmuseums in Athen, Herr Triantis, unter dem Symbol der modernen Olympischen Spiele anbrachte, erinnert an die ersten überlieferten Spiele im Jahre 776 v.Chr. in Olympia und an diejenigen im Jahre 1972 in München.

Der Marmorblock stammt aus der sogenannten Echohalle, einer Kolonnade, welche den heiligen Bezirk des Zeus in Olympia, die sogenannte Altis, nach Osten abschloss und gegenüber dem antiken Stadion abgrenzte (s. Plan). Der Grundriss des Gebäudes ist ein etwa 100 m langes und 12 m breites Rechteck.
Quadermauern bilden dessen hintere, nach Osten liegende Seite sowie die schmalen Nord- und Südseiten. An der Vorderseite, also nach Westen, stand eine Reihe von 44 Säulen auf einem vierstufigen Unterbau aus Marmor, der wahrscheinlich vom Pentelikon-Gebirge bei Athen stammt.
Der Marmorblock in München gehörte zur obersten Stufe dieses Unterbaues, dem sogenannten Stylobat (Säulenstandfläche), und zwar ist er, wie man an dem Dübelloch erkennen kann, das Fragment des hinteren Teiles einer der Platten, auf denen die Säulen standen.

Über dem Stylobat aus Marmor erhoben sich die Säulen (s.Abb.S.5), die wie der ganze übrige Bau aus einheimischem Kalkstein gearbeitet und mit einem glatten, dünnen Putz überzogen waren. Diese Säulen trugen das übliche dorische Steingebälk mit dem hohen Längsbalken (Architrav), dem Fries aus abwechselnd geriefelten und glatten Platten (Triglyphen und Metopen) und dem darüber vorstehenden Gesims (Geison). In München finden wir ein solches Gebälk z.B. am Mittelbau der Propyläen, deren Formen von klassischen griechischen Bauten übernommen sind (Königsplatz).

Die Bauzeit der Halle ist wohl die längste, die je ein „Olympiabau“ beansprucht hat: Die Fundamente wurden im 4.Jh.v.Chr. gelegt und auch die Rück- und Seitenwände stammen noch aus dieser Zeit.

Jedoch wurde die Säulenordnung der Front erst 500 Jahre später eingebaut; und auch dann reichten offenbar die Mittel nicht für einen Neubau, sondern man nahm einen älteren Bau an anderer Stelle auseinander und baute sein Gebälk hier ein. – Dies ließ sich bei der genauen baugeschichtlichen Untersuchung der etwa 1.275 erhaltenen Steine dieses Baues feststellen.
Das Bauwerk wurde schon in der Antike Echohalle genannt und zwar, wie Plinius, Lukian und Pausanias überliefern, weil man angeblich dort ein siebenfaches Echo hören konnte.

Die Bauanlage

Zum Heiligtum gehörten u.a. das Heraion (7.Jh.v.Chr.), der älteste dorische Tempelbau Griechenlands, geweiht der Göttermutter Hera, und der große Zeustempel (5, Jh.v.Chr.), in dem das berühmte Zeusbild des Phidias stand. Am Nordrande des Heiligtums standen die Schatzhäuser der einzelnen griechischen Staaten. Die Ostseite begrenzte die knapp 100 m lange Echohalle (4.Jh.v. Chr.). Vom Stufenunterbau (Stylobat) dieser Halle stammt der hier aufgestellte Marmorblock.

Die Spiele

Die Altis von Olympia, jener heilige Bezirk in der griechischen Landschaft Elis, war fast 1200 Jahre lang Stätte des alle vier Jahre wiederkehrenden Nationalfestes der Griechen. Die Olympischen Spiele sind ab 776 v.Chr. historisch verfolgbar. In den Spielen wie in der Architektur Olympias vereinigte sich griechische Religiosität mit sportlicher Begeisterung.

Die Ausgrabungen

Angeregt von J. Winckelmann begann E. Curtius ab 1875 die systematische Erforschung und Ausgrabung Olympias, fortgesetzt von Dörpfeld, Furtwängler u.a. bis 1881, weitergeführt durch deutsche Forscher unter der Betreuung des Deutschen Archäologischen Instituts nach dem 2. Weltkrieg seit 1943 bis in die Gegenwart, wobei vertragsgemäß alle Funde an Ort und Stelle verbleiben.

Da aber deutsche Archäologen und Bauhistoriker sich seit 1875 um die Erforschung des Heiligtums von Olympia bemüht hatten, wurde 1972 anläßlich der Olympiade in München von griechischer Seite der Wunsch geäußert, erstmals einen Gedenkstein vom Ursprungsort der Spiele an einer modernen Wettkampfstätte aufzustellen.

Am 14.4.1972 wurde der Block von griechischen Archäologen ausgewählt, dann von Herrn Triantes, dem Bildhauer des Athener Nationalmuseums, mit der Inschrift versehen

Olympiade in Olympia 776 v.Chr. Olympiade in München 1972 n.Chr.
(in deutscher Übersetzung)

und anschließend nach München gebracht, wo er im Beisein des Bürgermeisters von Olympia aufgestellt wurde. Er ist, abgesehen von einigen Bauteilen, die 1829 in den Pariser Louvre und 1881 in das Berliner Pergamon-Museum gelangten, das einzige Architekturglied des Heiligtums außerhalb Griechenlands.

Das ursprüngliche Aussehen unseres Marmorblockes zeigt die isometrische Darstellung, wobei seine heutige Vorderseite mit der Inschrift am Bau die Unterseite war, während die jetzige Rückseite – mit dem Dübelloch für die Säule – oben lag.

An unserem Block ist die ursprüngliche Vorderseite zwar nicht mehr erhalten, doch ist ihr Aussehen von anderen gleichartigen Blöcken her bekannt: Sie war durch einen feinen doppelten Falz an der Unterkante und eine leicht erhabene, etwas rauhere Fläche, die von glatten Randschlägen gerahmt wurde, gegliedert.

Auf der ehemaligen Rückseite, der linken Seite in der hiesigen Aufstellung, befand sich ein grober Falz als Anschluß des Fußbodens im Inneren der Halle.

Auf der ehemaligen Oberseite erkennt man sogar noch zwei zueinander senkrechte Ritzlinien, die den genauen Mittelpunkt der darauf stehenden Säule angaben.

Die ehemalige rechte Seite, die jetzige Oberseite, ist eine rauhe Fläche, die an einer Seite einen feingeschliffenen, leicht erhabenen Saum hat, der früher an drei Seiten umlief. Dieser Saum diente dazu, einen lückenlosen Anschluss an den Nachbarstein zu gewährleisten, ohne daß die ganze Fläche der Fuge eben abgeschliffen werden mußte. Die Griechen legten Wert darauf, daß die Fugen ihrer Werksteinbauten außen vollkommen dicht schlössen und nur als feine Linien wahrzunehmen waren.

 

Herausgeber: EIG Einwohner-InteressenGemeinschaft Olympisches Dorf
Gruppe „Unser Dorf soll schöner werden“, Dr. Ilse Lange

Wissenschaftliche Ausführungen, Zeichnungen und Text: Dr. Ing. Wolf Koenigs, Deutsches Archäologisches Institut, Dipl. Ing. Klaus Herrmann, Institut für Bauforschung und Baugeschichte der TU München und Dr. Magnus Backes;  Graphische Ausstattung Carl M. Bloser