Architektur, Kunst & Natur

Überblick

1. Lage im städtischen Umfeld, Verkehrsanbindung
2. Stadträumliches Konzept
3. Verkehrstrennung
4. Architektur, Gestaltung
5. Farbkonzept
6. Wohnungsangebot
7. Planungs- und Baugeschichte
8. Resümee

Lage im städtischen Umfeld, Verkehrsanbindung
Das Olympiadorf liegt gut vier Kilometer nördlich der Münchner Altstadt. Etwa 8.000 Menschen leben hier in einem eigenständigen Stadtquartier.Das “Dorf” formt den nördlichen Abschluss der zur Olympiade 1972 errichteten Anlagen mit dem Olympiapark, dem Fernsehturm und den Sportstätten, die von dem weltberühmten Zeltdach überspannt werden. Im Westen bildet der breite Grünzug der Hochschulsportanlagen eine deutliche Zäsur zur zeitgleich errichteten Olympia-Pressestadt. Vom Autoverkehr der Moosacher Straße im Norden und der Lerchenauer Straße im Osten wendet sich das Dorf mit hohen, geschlossenen Gebäudefronten ab. Die ausgedehnten Produktionsstätten der Knorr-Bremse und der BMW wirken hier als Barrieren zu den Stadtteilen Lerchenau und Milbertshofen.Innerstädtische Ziele sind durch den direkten U-Bahn-Anschluss hervorragend erreichbar. Zusätzlich zur bestehenden Station “Olympiazentrum” wird bis 2006 ein zusätzlicher Haltepunkt am nordwestlichen Ende der Straßbergerstraße fertiggestellt. Darüber hinaus ist das Olympiadorf durch den Mittleren Ring unmittelbar an das übergeordnete Straßennetz der Stadt und die großen Ausfallstraßen angebunden.

Stadträumliches Konzept
Der Hauptzugang von der U-Bahn-Station Olympiazentrum sowie die Zufahrten von der Lerchenauer Straße werden durch die hoch aufragenden Gebäudescheiben am Helene-Mayer-Ring markiert. Hier befindet sich das Zentrum des Dorfs mit der Ladenpassage, den Kirchen, der Schule, Kindergärten, einem Hotel und der als Bibliothek, Café, Kinderkrippe und für Verwaltungsräume genutzten Alten Mensa. Vom Helene-Mayer-Ring greifen wie drei Arme die Wohnbebauungen der Straßbergerstraße, der Nadi- und der Connollystraße nach Westen aus. Zwischen diesen Armen liegen großzügige, als Parks gestaltete Grünflächen, die in den Grünzug des Kusoscinskidamms als nördlichen Ausläufer des Olympiaparks überleiten.

Die drei mehrfach abgewinkelten Straßenzüge werden jeweils auf der Nordseite von bis zu 14-geschossigen Terrassenhäusern begleitet und räumlich gefasst. Nach Süden zu den Grünzonen staffeln sich mit abnehmender Höhe vier- bis sechsgeschossige Terrassenhäuser, Reihenhäuser sowie Atriumhäuser und Bungalows.

Von der Moosacher und der Lerchenauer Straße aus gesehen prägen die hohen Gebäuderücken der Terrassenhäuser mit ihren charakteristischen Treppenhaustürmen sowie die Hochhäuser am Helene-Mayer-Ring den äußeren Eindruck des Olympiadorfs. Umso mehr überrascht die starke Durchgrünung im Inneren sowie die Großzügigkeit der Parks, die sich zwischen den Straßenzügen erstrecken.

Südlich von Helene-Mayer-Ring und Connollystraße befindet sich das ehemalige Olympische Dorf der Frauen, welches mit einem 19-geschossigen Hochhaus, dreigeschossigen Terrassenbauten und einer größeren Zahl zweigeschossiger Bungalows, die ein Dorf im Dorf bilden, in zwei Bereiche sehr unterschiedlicher Wohnqualität zerfällt.

Verkehrstrennung
Die konsequent umgesetzte Trennung der Erschließung für Autos vom Netz der Fuß- und Radwege vervollständigt den Eindruck einer innerstädtischen Oase. Die Erschließungsstraßen und Pkw-Stellflächen wurden in die Untergeschosse der Gebäude bzw. unter die Vorgärten und die Fußgängerebene verlegt. Auf einer Gesamtfläche von nahezu 40 Hektar sind auf diese Weise Fußgänger- und Grünbereiche bruchlos miteinander verknüpft und Störungen des Wohnumfelds durch den Kraftverkehr ausgeschlossen.

Architektur, Gestaltung
Die Terrassenhäuser der Straßberger-, Nadi- und Connollystraße machen den Großteil des Bauvolumens des Olympiadorfs aus. Ihre Südfassaden öffnen sich konsequent zur Sonne. Plastisch gestaltete vertikale Schotten und intensiv begrünte Pflanztröge vor den Balkonen prägen hier ein freundliches Erscheinungsbild. Die hoch aufragenden Nordfassaden wirken mit ihren Fensterbändern und den geschlossenen Treppenhaustürmen hingegen eher verschlossen und abweisend.

Farbkonzept
Neben das Weiß des Sichtbetons treten im Dorf als weitere Materialfarben das Rot und Gelb der mit Klinker belegten Gehwege. Im Rahmen des von Otl Aicher entwickelten Farbkonzepts für die gesamten Olympiaanlagen wurden den Straßen des Olympiadorfs bestimmte Farben als Orientierungshilfe zugeordnet. Als Orientierungshilfen durchziehen von der U-Bahn-Station aus Rohre in etwa 3,5 Metern Höhe das Dorf, die in der Connollystraße blau, in der Nadistraße grün und in der Straßbergerstraße orange gestrichen sind. Aus diesen Grundtönen wurden auch die Farbtöne für Fenster, Türen und Fassadenelemente in den verschiedenen Straßen abgeleitet.

Wohnungsangebot
In den knapp 4.600 Wohnungen des Olympiadorfs wurden etwa 70 verschiedene Grundrissvarianten verwirklicht. Das Angebot reicht vom kleinen Einzimmerappartement bis zur 140 m2 großen Penthousewohnung, von Etagenwohnungen über Maisonnette-Typen bis zu realgeteilten Reihen- und Atriumhäusern. Der Anteil von Wohnungen, die mit ca. 80 m2 Wohnfläche und vier Zimmern auch für kleine Familien attraktiv sind, ist mit 40% relativ hoch. In den Wohnungen schaffen einfach veränderbare leichte Trennwände eine hohe Grundriss- und Nutzungsflexibilität. Weiter besteht häufig die Möglichkeit, Einzimmerappartements und benachbarte größere Wohnungen zu koppeln. Die Einheiten des Geschosswohnungsbaus sind durch Aufzüge grundsätzlich barrierefrei zugänglich.

Planungs- und Baugeschichte
1967 fand ein bundesweiter Wettbewerb zu den Olympiaanlagen statt, den das Büro Behnisch aus Stuttgart gewann. Das Konzept für das Olympiadorf der Männer wurde anschließend auf der Grundlage der abstrakten Festlegungen des Wettbewerbs – Lage des Dorfs nördlich des Mittleren Rings, Erschließung von der Lerchenauer Straße, Gliederung des Quartiers – unter der Federführung der ebenfalls in Stuttgart ansässigen Architekten Heinle und Wischer erarbeitet. In einem schrittweisen “Optimierungsverfahren” war eine Reihe von Fachleuten zu verschiedenen Themenbereichen als Berater eingebunden, was zusammen mit der allgemeinen Euphorie im Vorfeld von “Olympia” zu den heute noch erlebbaren vielschichtigen Qualitäten des Dorfs beigetragen haben dürfte.

Die Planungen der Münchner Architekten Eckert und Wirsing für die heutigen Studentenwohnanlagen, die als Olympisches Dorf der Frauen genutzt wurden, reichen bis in das Jahr 1961 zurück und wurden ebenfalls in das Optimierungsverfahren einbezogen.

Das Olympiadorf wurde durch fünf Bauträgergesellschaften sowie das Studentenwerk München errichtet und während der Spiele an das Organisationskomitee vermietet. Im Anschluss wurden die Wohnungen verkauft. Die Einheiten des Studentenwerks werden bis heute als Studentenwohnungen genutzt.

Resümee
Das Olympiadorf erscheint den Einen als Modell für den Massenwohnungsbau, den Anderen als Auswuchs der Wirtschaftswunderzeit, der Wachstumsgläubigkeit und der Planungseuphorie. Für die überwiegende Zahl seiner Bewohner ist es eine eigenwillige und einmalige Oase des Wohnens in der Großstadt.

Barbara Wohn, Christian Brinkmeier
(nach Rühle, Thurn und Taxis, Wachsmann, Wohn: Der Olympiapark. München: Buchendorfer Verlag, bisher unveröffentlicht)